Eines steht fest:
Der Wettergott ist Bonner
… mochte man wenigstens meinen, denn nach zahlreichen wolkenverhangenen Tagen behauptete sich pünklich zur Rheinkultur die Sonne und bescherte den knapp 200.000 Gästen einen entspannten Tag im Grün.

Wir sind an diesem Tage mit der Bahn von Köln nach Bonn gereist, wobei mir “gereist” vielleicht nicht gerade als jenes Wort erscheint, welches die Reiseumstände (nämlich solche Umstände, die durch den Versuch entstehen, einen max. viertel Quadratmeter geräumigen Stehplatz schwitzend und schwankend gegen andere, denen es nicht schöner ergeht, zu verteidigen) entsprechend suggeriert. Nach diesem etwa zwanzigminütigen Experiment, sich in die Situation einer Sardine hineinzuversetzen, empfing uns Bonn mit einem gewaltigen Aufmarsch. Naja, vielleicht galt die bunte Zusammenkunft ja nicht in erster Linie uns, aber das Gegenteil hat zum Glück auch niemand behauptet. Dementsprechend beflügelt und erhaben, entschieden wir uns zu einer dekadenten Maßnahme - wir überließen den auf einen Bus wartenden Menschentrauben unsere Sitzplätze und vermeldeten einem heranfahrenden dicken Taxifahrer via Handzeichen die Gelegenheit, sich ein wenig Taschengeld zu verdienen. Es ist ja Sommer …. man will sicher noch in Urlaub fahren …
Und dann waren wir schon da - die Rheinauen. Nach einem kurzen Erfrischungsgetränk (von dem man nicht wusste, ob es mit oder ohne Sprite zubereitet wurde) und einem Sitzpäuschen, machten wir uns daran einen Treffpunkt aufzusuchen, welcher prinzipiell nicht weit entfernt lag, aber irgendwie damit zu tun hatte, dass wir ein wenig Moses spielen mussten … (allerdings wurde hier kein Wasser geteilt, denn unser Weg zum gelobten Treffpunkt führte uns durch Menschenmengen).
Zu dieser Zeit klimperte Madsen auf der blauen Bühne, was scheinbar einigen gefallen hat, mich aber wenig berührte. Wie es der Treffpunkt als Treffpunkt verheissen hatte, wuchs unsere beschauliche Gruppe auf eine größere, wenngleich immer noch beschauliche Gruppe an. Diese bewegte sich irgendwann langsam und schwarmartig Richtung rote Bühne, wo es Mother Tongue zu begrüssen galt. Die Jungs aus Los Angeles haben anschließend eine solide Show über die Bühne gebracht und ich musste unweigerlich mit dem Gedanken spielen, mir eines Tages auch eine Augenklappe zuzulegen. Positiv zu bewerten war übrigens auch, dass der Frontmann von Mother Tongue mehr oder minder stilsicher ne Pulle Rotwein verköstigte (wahrscheinlich, weil er kurz vor dem Auftritt an den Bierständen zu lange anstehen musste und letztlich leer ausging).
Nach der ausgedehnten Rock’n'Roll - Nummer wurde es Zeit, das Gesäss ein Ründchen zu erden oder sich um andere körperbedingte Notwendigkeiten zu kümmern. Die allseits archaisch anmutenden Anstrengungen der Nahrungssuche wurden begleitet von den wunderbaren Klängen von Calexico. Ein durchaus surreales Bild, wie es Dalí nicht hätte besser malen können. Die relaxten Melodien Calexicos drangen in das eine Ohr und ergaben mit den verzweifelten Hilferufen der Pommesverkäuferinnen, welche das andere Ohr erreichten, ein wahres Wildwest-feuerwerk in den Synapsen. So oder ähnlich muss es damals auch gelaufen sein, als sich der weisse Mann und die Indianer um ein und den selben Büffel gestritten haben und ein Mexikaner im Hintergrund melancholisch Gitarre spielte.
Das besinnliche Riesenpicknick auf dem inzwischen komplett platt gesessenen Rasen wurde dann unsererseits ab und an von den Versuchen unterbrochen, die völlig überforderten Gesichter der Ausschankleute mit der Absicht auf Bestechung nett anzulächeln oder (was besonders für die Damen galt) eine menschliche Toilettenschlange zu finden, deren Ende und Anfang weniger als 500 Meter auseinander lagen.

Allmählich wurde es dann dunkel und die spärlichen Wolken über uns färbten sich rosarot, um allen Anwesenden die Stimmung zu versüssen. Vielleicht waren das aber auch nur ein paar Spezialeffekte, um den Topact anzukündigen - die Fantastischen Vier. Man muss eigentlich sagen, dass es nicht leicht fiel, sich zwischen den Fantas links und Sick of it all zur Rechten zu entscheiden. So blieben wir irgendwie in der Mitte (aber eher links) auf einer kleinen Anhöhe sitzen und schauten zu, wie sich plötzlich die Mitte des Hauptfeldes zwischen den Bühnen leerte. Es setzte ein Menschenstrom nach links ein und das lag nicht am Freibier oder dem Bungeejumpingkran. Ich würde sagen, dass die Fantas diese Runde gewonnen haben - zu Beginn des Konzertes war nämlich der “linke” Teil der Rheinauen komplett voll, vor der Bühne bis weit auf die dahinterliegenden Kuppen und Anhöhen. Da wir ja die Bühnenaktivitäten der Fantas ja nur erahnen konnten (wir waren eben doch etwas weiter entfernt), war das Publikum so freundlich, uns das Vollführte selber vorzuführen und diente dementsprechend als optischer Verstärker. Das äusserte sich in kollektiven Hüpfbewegungen, was aus der zweiten Reihe sehr lustig, aber auch in der Tat beeindruckend, vielleicht sogar bedrohlich aussah. Wenn 80.000 (laut rheinkultur.com) Besucher auf einmal hüpfen, gibt es in China ein kleines Erdbeben, oder?
Naja, das Konzert der Fantastischen Vier war jedenfalls gelungen. Der Sound war sehr gut, die Lieder von verschiedenen Alben und ich hätte allerdings damit gerechnet, dass die Jungens mehr “Freestyle” vollführt hätten. So orientierten sich meines Wissens nach die Lieder sehr an den Albenversionen, was allerdings nicht sonderlich negativ auffällt (aber verwundert).
Dann folgte die Heimreise, bei welcher wir relativ viel Glück in Form von Sitzplätzen hatten. Alles in Allem kann man auf eine gelungene Rheinkultur 2007 zurückblicken. Bis zum nächsten Jahr …












Entries (RSS)