Generationswechsel und kulturelle Produktion
Der Artikel ist von: Teriell in Gesellschaft, Medien, Kunst
In einem Artikel des Spiegel Online beschreibt Christoph Dallach, wie mit unterschiedlichen Konzepten (nämlich “Idealismus und Cleverness”) der Krise in der Musikbranche begegnet wird. Am Beispiel zweier Labels illustriert er, dass der Vertrieb von Musik auch in diesen Zeiten noch möglich ist. Bei dem einen Label handelt es sich um Bear Family Records, bei dem anderen um das Thinner Netlabel. Der Artikel verdeutlicht, dass die konkreten Strategien sehr unterschiedlich sind. Doch ferner auch, dass eine Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Bestehen von Labels im heutigen Musikmarkt für alle gilt: man muss von der Sache überzeugt sein, wenn man sie anderen verkaufen möchte.
Der Long tail sollte doch inzwischen verstanden sein.
“Forget squeezing millions from a few megahits at the top of the charts. The future of entertainment is in the millions of niche markets at the shallow end of the bitstream.”
![]()
Der Markt untergliedert sich bereits jetzt in viele Subnischen, und dies gilt nicht nur für die Musikindustrie. Die Dieter Bohlens, deren gezielte finanz- und nicht kulturmotivierte Musikkonstruktion sich an eine (ehemals) homogene Masse richtet, müssen heutzutage ihren Einheitsbrei über entsprechende Fernsehformate propagieren. Doch ich vermute, dass sich auch solche distributionsunterstützenden Maßnahmen in Zukunft nicht mehr für jeden rentieren werden. Bzw. aber werden die (ehemaligen) Meinungsführer die erheblicheren Verluste zu verbuchen haben, da auch die klassischen Leitmedien (Fernsehen, Print, Radio etc.) stückchenweise ihr Monopol im Sinne eines Kanals für die Manipulation von Meinung oder den Aufbau und die Pflege eines kulturellen Agendasetting verlieren werden. Aufmerksamkeit wird für alle medialen und kulturellen Produzenten das schwer erreichbare Gut sein und damit werden die Big Player die erheblichsten Verluste zu verzeichnen haben.
Besonders drastisch wird sich diese Tendenz erst auswirken, wenn die heutige Jugend mal erwachsen sein wird. Denn Hemmschwellen im Bezug auf neue Formen der medialen Rezeption und Produktion wird es für diese nicht in gleicher Form geben, wie bspw. für die heutigen 40-Jährigen (und aufwärts), deren Sozialisation ja in Zeiten geschah, als ausschließlich monodirektionale Massenmedien (Fernsehen z.B.) die öffentliche Meinung bestimmten und die Produktion/ Distribution eigener Medienprodukte sehr teuer war.
Die Demokratisierung der Produktionsmittel und des Vertriebs machen sich aber heute schon bemerkbar. Nicht alleine dadurch, dass die einstigen Superstars wie Madonna und Major-Labels wie EMI einen drastischen Rückgang der CD-Verkäufe feststellen mussten, sondern auch im positiven Sinne dadurch, dass den Konsumenten kultureller Güter ein größeres Spektrum an Nischen zur Verfügung steht. Die kostengünstige Produktion und Verteilung von Musikstücken, Bildern, Videos, letztendlich auch Meinung (z.B. im Sinne von Blogs) und anderen immateriellen Gütern führt eben auch dazu, dass sich ein Projekt (z.B. ein Blog, ein kollaboratives Kunstprojekt, ein Video etc.) gar nicht immer auf Kostenebene rentieren muss. Denn es fallen (neben dem Arbeitsaufwand und der Arbeitszeit) keine besonders erheblichen Kosten an, die es auszugleichen gilt. Und somit wird die Logik verändert, der eine Produktion zugrunde liegt. Es ist nicht mehr allein die finanzielle Seite, die alle anderen Prozesse determiniert oder legitimiert. Sondern Aspekte wie Ideale, die kreative Idee als Solche und Authentizität spielen eine von nun an größere Rolle. Das Ziel hinter einer kulturellen Produktion kann und sollte eben auch nicht mehr sein, dass ein Produzent oder Künstler Superstar wird oder mit Millionenumsätzen rechnet. Es kann nicht mehr das Ziel sein, da sich die Güter zu einer immateriellen Form gewandelt haben (somit auch kein in der Auflage limitierter Tonträger den Preis im Sinne von Angebot und Nachfrage rechtfertigt) und die Produktion sowie der Vertrieb billig geworden sind und damit jedem offen stehen. Es sollte nicht mehr das Ziel sein, da es ohnehin für die Konsumenten und im Hinblick auf das kulturelle Produkt als Solches unrelevant ist, ob jemand einen Superstar-Status erlangt oder nicht und weil die überdimensioniert-finanziellen Absichten Einzelner einer Vielfalt kontraproduktiv gegenüberstehen. Und ich würde sagen, dass haben die einstigen Major-Labels oder Leute wie Bohlen auch stets unter Beweis gestellt.
Der zu Beginn erwähnte Spiegel-Artikel zeigt auf, dass Authentizität und Idealismus oder die Experimentierfreudigkeit im Umgang mit neuen Randbedingungen es ermöglichen auch heute noch Musik zu vertreiben. Nicht abschließend geklärt sind bislang die Fragen, die hinsichtlich des Copyrights im Zusammenhang mit dem Kopieren immaterieller Güter bestehen und auch nicht wirklich in jeder Hinsicht, wie professionelle Künstler (d.h. solche, die hauptberuflich bspw. Musiker sind) gut von und durch ihre Arbeit leben können. Ich glaube allerdings, dass sich diese Fragen nicht klären lassen, wenn man auf die Prinzipien einer alten und analogen Welt zurückblickt und an diesen sich krampfhaft festzuhalten versucht. Kultur ist Menschenrecht, weil der Mensch ein Kulturwesen ist. Und das gilt für das Ausüben sowie für die Konsumation kultureller Güter. Aus diesem einfachen Grunde glaube ich auch, dass die kommenden Generationen weniger verkrampft mit einigen Aspekten umgehen werden. Und ich glaube auch wieder nicht, dass z.B. die Musik aus der Gesellschaft verschwinden wird, nur weil ein Bohlen oder ein Major Label eines Tages Geschichte sein werden. Wenn also unterm Strich „nur“ ein facettenreicheres Kultur(er-)leben das Ergebnis ist, dann halte ich das Ergebnis für sehr positiv und weine auch der analogen Welt keine Träne nach.












Entries (RSS)