Eigentlich ist die Sache mit dem Web 2.0. inzwischen ja schon ein wirklich alter Hut. Da wurden euphorische Utopien ausgesprochen, da krochen plötzlich wieder unzählige BWL’er und Designer aus den Löchern, um nach dem ersten New-Economy-Crash mit neuen Kräften und neuen Startups mitzumischen, da wurde auch hin und wieder kritisch reflektiert und da wurde mal mehr, mal weniger innovativ rumgebastelt - auf der Spielwiese des Web 2.0.

Der Herr O’Reilly erkannte ein paar technische Trends in Sachen Infrastruktur und Möglichkeiten der diesbezüglichen Ausnutzung, leitete wohlklingende Prinzipien ab und erklärte die alte Internetwelt für überholt (hier noch mal zur Lese ein Link). Und plötzlich sprach dann jeder, der irgendwie glaubte, eine Meinung haben zu müssen, über das Web 2.0. Komisch eigentlich. Auch jetzt noch.
Denn dass eine technische Infrastruktur zur Kommunikation und somit dem Informationsaustausch in Kombination mit “multimediafähigen” Endgeräten, sich ständig ändert, einem dynamischen Wandlungsprozess unterworfen ist, sollte eigentlich spätestens seit dem Vergleich vom Arpanet und dem Netz von - sagen wir - 1995 doch klar sein. Es gibt nämlich keine wirklich statischen (versionierbaren) Netzstrukturen zur Kommunikation, die ständig durch Hard- und Software weiterentwickelt werden und zudem von vielen Menschen mit unterschiedlichsten Absichten (kommerziell, privat, politisch etc.) genutzt werden. Naja, das weiß der Herr O’Reilly sicher auch, aber ebenso gut weiß er, dass sich eine Trendbeschreibung und die Erfindung zielgruppenorientierte Schlagwörter rentieren.

Die Prinzipien der (informationstechnischen) Kollaboration und Kooperation gehen mir im Grunde aber überhaupt nicht weit genug. Dass User hier und dort ein paar Tags ins kollektive Gedächtnis einspeisen können, dass die Welt in digitalen Bildern versinkt, dass man nun endlich weiß, über wie viele Ecken man mit “Susimaus23″ oder sonst wem bekannt ist (usw.), ist ja in der Summe ganz nett, aber noch längst nicht genial. Klar, auch dass User nun selber potentielle Produzenten sind und ihren Platz im Long Tail bestreiten, ist grundsätzlich positiv. Ebenso, dass ich mir nun meine Nachrichten und Informationen aus unzähligen Quellen selbst zusammensuchen und verknüpfen kann (insofern ich Zeit für diese Suche hab, nämlich auch hier greift ja der Long Tail). Auch freut mich natürlich die Möglichkeit, via Blog diese Inputs in wie auch immer gearteten Output verwandeln zu können. Aber die “großen” Projekte gehen mir eigentlich nicht weit genug - hinken vielen Versprechungen hinterher.
Obwohl es (man denke an Open-Source) schon lange Traditionen und Erfahrungswerte im Hinblick auf technisch gestützte Kollaboration gibt, wird im Web 2.0 jeder gerade entdeckte Kram, der sich durch eine Infrastruktur ergibt, als neues und geniales Konzept vertickt. Oft eben auch nicht mit offenen Schnittstellen, wodurch der Nutzen produktbezogen bleibt. Da müssten mehr Standards her, um für den Nutzer die vielen Kanäle praktisch und unkompliziert zu bündeln und ihm gleichzeitig die volle Kontrolle über die eigenen Daten einzuräumen. Löbliche Bemühungen gibt es hier ja durchaus, ich glaube allerdings trotzdem, dass nicht jede kommerzielle Unternehmung wirklich Interesse an offenen Schnittstellen und userseitiger Datenkontrolle haben wird. Weil - im Zeitalter der Vernetzung ist eben der Besitz von Informationen ein immenser Marktvorteil (man denke an den Goggle!) - umso mehr, wenn sich viele Unternehmen nur über Werbung Einnahmen “generieren” wollen und keine “wirklichen” Produkte mehr anbieten können.

Die Sache mit der Informationsvernetzung hat noch eine weitere Seite, welche die Welt nicht zwingend “demokratischer” oder “besser” macht. Mit den Verlinkungen und (z.B. communitybasierten) Aggregationsmechanismen im Hinblick auf Informationen verhält es sich so ähnlich wie bei der Sache mit dem Geld: The rich get richer.

“In einem skalenfreien Netzwerk verlinken sich Knotenpunkte häufiger mit Knoten, die bereits eine hohe Anzahl von Links aufweisen als mit solchen mit nur wenigen Verbindungen. Die “starken” Knoten werden also bevorzugt. Das Phänomen, dass hubs bevorzugt verlinkt werden nennt man “The Rich get richer”.”
[Zitat von hier]

Ich will versuchen, das mal am Blog-Beispiel erklären… Die Blogs, die früh im Web (x.0 beta?) zu finden waren, haben Bezug auf andere Inhalte genommen und auch schon früh ein paar Leser ansprechen können. Anschließend entstanden bei mehr oder weniger guten Blogs wiederum Backlinks und Verweise und der Pagerank stieg damit gleichzeitig langsam an. Die Zahl der Verweise auf eine Seite, z.B. die frühen Blogs wie etwa BoingBoing, ist nun so was wie eine Währung, die sich weiter bezahlt macht (zumindest mal im Sinne der Auffindbarkeit). Da das “semanic web” noch nicht wirklich existiert, bewerten viele Suchmaschinen Angebote mitunter nach der Anzahl der Verlinkungen auf eine Seite. Dadurch finden also mehr Leute ein “schon länger bestehendes” Angebot und ein gewisser Teil von diesen Leuten verlinkt dann auch darauf (z.B. um selber darauf Bezug zu nehmen). Und so geht das dann immer weiter. Wer früh mit einem halbwegs soliden Angebot gestartet hat und am Ball geblieben ist, hat ganz gute Chancen, eine ständig wachsende Leserschaft zu erreichen. Neue Blogs mit gleicher Qualität und Themenausrichtung haben es da viel schwieriger, zumal sie mit der Anzahl der geschriebenen Beiträge gar nicht mithalten können, was sich auch auf die Auffindbarkeit auswirkt.

Und so oder ähnlich ist es schließlich auch bei vielen Web 2.0 - Angeboten. Die “frühen Vögel” haben so manchen Wurm gefangen, z.B. im Falle von social communities schon früh eine solide Benutzerzahl erreicht, wodurch für neue Nutzer diese Communities im Vergleich zu neuen (gleichwertigen) Angeboten attraktiver erschienen.
Zusammenfassend soll das erst einmal heißen, dass die Größe einer Community oder die Leseranzahl von Blogs usw. (es wären auch andere Beispiele denkbar) kein objektiver Maßstab für die (z.B. technische oder redaktionelle) Qualität des Angebots ist. Es existieren Meinungs- und Marktführer ähnlich wie in einer realen Welt, in der schließlich das Prinzip “The rich get richer” nicht ganz falsch ist.
Dieser Umstand kann auch hemmend im Sinne des eigentlichen Nutzens (oder im Hinblick auf die innovativen Kräfte) sein, gerade wenn man von einer Netzstruktur oder dem Web 2.0 spricht. Die dort etablierten Meinungsführer können von so manch guter Idee ablenken, indem sie gefunden werden und eben nicht das innovative Konkurrenzangebot. Die meisten Menschen durchforsten überdies auch nicht alle 300.000 Suchergebnisse zu einem Thema, die ihnen eine Suchmaschine ausspuckt, sondern vermutlich nur die ersten Seiten, bis sie ein halbwegs passendes Ergebnis angesurft haben.

Das Web 2.0 und Innovation oder gar Demokratie sind also keineswegs Synonyme! 
Die größte Reichweite müsste guten Ideen und verlässlicher Information vorbehalten sein. Bis dahin ist es wohl noch ein ziemlich langer Weg.


 
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Ein Kommentar zu “Und wieder ein Artikel zum Web x.0 beta”

  1. Polygonist sagt:

    Das was wir heute als Web 2.0 kennen, also das sogenannte “Mitmachweb”, braucht heute unbedingt eine Auffrischung. Aber weniger durch das Einfügen neuerer Applikationen und das Schaffen weiterer Schnittstellen, sondern durch das Bereitstellen innovativer, neuer Projekte und Ideen.
    Die meisten Social Comunities sind zu statisch. Wenn sie erst einmal an den Start gegangen sind, ist ihre Entwicklung damit schon beendet. Das weiter liegt dann nur noch darin User an Land zu ziehen und den Kahn möglichst schnell vollzukriegen.
    Aber ich denke es ist wie teriell es beschrieb, ein langer weg. Erstmal ging es darum, weg vom reinen Konsumerweb zu kommen und dem Menschen eine neue Freiheit zu geben, so das sie sich in Communities zusammenfinden können.
    In der Zukunft aber wird es vermehrt darum gehen diese Freiheit wirklich über sich selbst hinaus nutzbar zu machen und neue Kooperationen zu schließen. Das Web 3.0 könnte ein kollaboratives Web werden. Die Communities oder Projekte die dann an den Start gehen zeichen sich dann darin aus das ihre eigentliche Entwicklung erst in diesem Moment beginnt. Es ist dann auch nicht mehr von entscheidender Bedeutung wieviel User diese Projekte an Bord haben sondern wieviel Bedeutung diese Schaffen können.

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