Dass sich heutzutage Künstler oder kreative Autodidakten zunehmend im Netz tummeln, ist nicht gerade verwunderlich. Denn dort können sie kostengünstig Inhalte wie Bilder oder Videos oder Text oder was auch immer veröffentlichen, auf ein wenig Aufmerksamkeit vonseiten der Rezipienten hoffen. Und Aufmerksamkeit ist heutzutage eine Währung, die auch und sogar gerade für Künstler relevant ist. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, trotz der Vorteile digitaler Kommunikation und Distribution (z.B. von Bildern) ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit erst zu erreichen. Denn wo viele Bilder sind (sagen wir lieber: Unmengen), wird die mögliche Aufmerksamkeit der Rezipienten auf diese Anzahl aufgeteilt. Erschwerend kommt hinzu, dass die endlosen medial distribuierten und stets verfügbaren Bilder-, Video-, Informations-Streams den Betrachter nicht zwingend zu einem Mehr-Konsum motivieren, sondern es tritt vielmehr eine Ermüdung ob des stetig wachsenden Informationsüberangebots ein. Die mögliche individuelle Aufmerksamkeitsbereitschaft sinkt also und es entsehen Trends zum Informations-Essayismus. Gerade bei künstlerischen Arbeiten ist das eventuell etwas kontraproduktiv, da viele Werke ein Mindestmaß an weiterer Auseinandersetzung verlangen. Differente und nach genauerer Betrachtung schreiende Kontexte treten also möglicherweise zugunsten eines „formalen Essayismus“ zurück. “Einfache” oder schnell und unverbindlich konsumierbare Arbeiten werden demnach eventuell mit mehr Aufmerksamkeit bedacht, da der Konsument aus einer Vielzahl medial aufbereiteter Information selektieren muss und damit einer eigene Rezeptions-Ökonomie folgen muss. Für ein Fachpublikum (z.B. Kunsthistoriker, Galeristen, Kuratoren etc.) gilt diese Annahme vermutlich nicht in vergleichbarem Maße, da deren Interesse und eben Rezeptions-Background anders gelagert sein müsste, als bei dem Comicliebhaber von nebenan oder dem 0815-Surfer. Aus dem Grund, dass bei Fachpublikum oft auch wirtschaftliches Interesse die Wahrnehmung und Selektion beeinflußt. Dennoch gilt auch im Bezug auf das Fachpublikum, dass hinsichtlich des Angebots (an digital repräsentierten und abrufbaren „Kunstwerken“) von vornherein eine geteilte Aufmerksamkeit angewendet werden muss. Valide oder objektive „Qualitätsmerkmale“ gibt es da weiter noch nicht (meiner Meinung nach), um eine große Auswahl an beliebig vielen Bildern auf eine bestimmte Anzahl nach bestimmten Kriterien herunterzuschrumpfen. D.h. wenn bspw. ein Kurator ein Bild nach bestimmten Kriterien in einer Künstlercommunity suchen wollte, um von mir aus ein neues Talent zu entdecken, dann muss er im Prinzip eine unfilterbare Masse an Arbeiten durchforsten. In vielen Communities gibt es die Möglichkeiten der Bewertung oder des Kommentierens. Das sind aber meistens schlechte Indizien, um wirklich Aufschluss über die Qualität einer Arbeit (welche objektiv ohnehin schwer bestimmbar ist) zu erhalten. Denn meist sind die x Kommentare oder die y Bewertungen nur Kennzahl dafür, wie aktiv ein Künstler innerhalb einer Community ist, was in erster Linie ein Indiz dafür ist, wie viel er sich in Foren aufhält und eben nicht malt oder an der Kunst arbeitet. Dadurch ergibt sich in der Summe, dass weder normale noch fachkundige Rezipienten mit einem gesunden Maß an Aufwand gute Suchergebnisse im Bezug auf künstlerische Arbeiten finden können, da das Repertoire schier zu groß ist (und die Qualitätsgefälle innerhalb des Repertoires übrigens ebenso). Somit muss man den virtuellen Raum als „Bekanntwerdungsmaschine“ wohl im Normalfall ausschließen (Ausnahmen sind natürlich möglich). Ein Multiplikator hinsichtlich der Aufmerksamkeit könnte er allerdings weiterhin sein. Wenn ein Künstler im Real Life schon einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzt und eine gewisse Nachfrage nach seinen Produkten/Kunstwerken/Aktionen ohnehin besteht, besteht auch Aufmerksamkeit. Ein Kurator oder Sammler würde sich sicherlich auch unter der Voraussetzung, dass er die Qualität der Arbeiten eines bestimmten Künstlers schon kennt, auch im Netz weiter informieren, so der Anlass besteht. Die Suche nach einem bestimmten Bild (oder Künstler) wäre dann von vornherein sehr selektiv und eingrenzbar, wodurch der Aufwand gering bleibt und der Nutzen vorhanden ist.
Ein völlig anderer Aspekt ist allerdings die Möglichkeit für Künstler, mit Hilfe von Tools im Netz bspw. Kontakte zu verwalten, untereinander projektbezogen zu kollaborieren oder fachlich relevante Information auszutauschen. Hier sehe ich das weitaus größere Potential, Kommunikationsstrukturen wie das Internet sinnvoll für die Zwecke der Kunst zu nutzen. Größere Gemeinschaftsprojekte (für ein Real Life!) lassen sich bspw. sehr gut mit einem Set an Tools planen und koordinieren. Hiervon wird meines Erachtens nach jedoch noch zu wenig Gebrauch gemacht, obwohl gerade darin eine Chance liegt. Meist wird das Netz noch von Künstlerseite (so kommt es mir wenigstens vor) als jene „Bekanntwerdungsmaschine“ angesehen. Doch oh Wunder – die internationalen Erfolg bleibt trotzdem für die meisten Künstler auch nach Monaten der virtuellen Präsenz aus und viele Arbeiten verweilen nach wie vor im Keller und verstauben. Es wird also Zeit, dass die Künstler, welche ohnehin auch virtuell unterwegs sind, das Potential weiter ausschöpfen.
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